Können Religionen Ungerechtigkeiten beseitigen? Talkrunde auf Haus Horst

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Können Religionen Ungerechtigkeiten beseitigen? .... Religionen und Soziales, Emanzipation und Gewalt - Eine Diskussionsrunde auf Haus Horst in Kalkar
Können Religionen Ungerechtigkeiten beseitigen? .... Religionen und Soziales, Emanzipation und Gewalt - Eine Diskussionsrunde auf Haus Horst in Kalkar

Können Religionen Ungerechtigkeiten beseitigen? …. Religionen und Soziales, Emanzipation und Gewalt – Eine Diskussionsrunde auf Haus Horst in Kalkar

Die Seniorenresidenz Haus Horst, seit Jahren immer wieder mit Bestnoten ausgezeichnet, liegt inmitten einer großen Wildpark- und Rittersitzanlage vor den Toren der mittelalterlichen Stadt Kalkar und wird von der Familie Keller und den Führungskräften vor Ort seit vielen Jahren auf hohem Niveau geführt. Immer mehr und immer öfter öffnet sich diese Burganlage aus dem 12. Jahrhundert, die auf Mauerresten aus römischer Zeit erbaut wurde, zu einem Treffpunkt für Diskussionen und Dialoge, für Gäste aus den gesellschaftlichen Bereichen Religionen und Kirchen, Politik, Realwirtschaft und Finanzwelt sowie Kultur und Kunst.

Zur obigen Thematik trafen sich heute im Rittersaal von Haus Horst Frau Dr. Hedwig Meyer-Wilmes – Hauptdozentin für feministische Theologie an der Radboud-Universität in Nijmegen, Christel und Thomas Hagen – Theologen und Pfarrer der Evangelischen Kirche sowie Michael Hellbach – Unternehmer, Verleger und praktizierender Buddhist, der vor etwa 25 Jahren das buddhistische Zentrum Pauenhof in Sonsbeck erschuf. Er studierte und lebte acht Jahre beim Dalai Lama.

Viele Gemeinsamkeiten zeigten sich während der von Moderator Willi Heuvens geplanten und organisierten Gesprächsrunde zwischen den Religionen. Achtsam umgehen mit der Natur, mit den Tieren, Mitgefühl gegenüber allen Lebewesen üben, auch dies waren solidarische Feststellungen aller Gäste. Weitere Themen waren die Eigenliebe der Menschen, die in Asien wohl weiter ausgeprägt ist wie in der westlichen Welt, der Begriff des Bösen in der Welt und wie man Ungerechtigkeiten begegnen sollte.

Zum Bereich Emanzipation erklärte Michael Hellbach, dass beispielsweise im Himalaya, in Tibet die Frauen oftmals als emanzipierte Persönlichkeiten die Verantwortung über Haus und Hof tragen, dieses seit langer Zeit. Nachholbedarf in Sachen Emanzipation gibt es natürlich auch im Buddhismus, dies ist jedoch auch abhängig von den einzelnen Menschen in der Gesellschaft.

Dass Gewalt in keiner Form ein Mittel ist und sein kann, Überzeugungen zu erzwingen, war die einstimmige Überzeugung aller. Durch den Edlen, Achtsamen Pfad läßt sich im Buddhismus ein hohes Maß an friedlichem Zusammenleben aller Menschen erreichen.

Hier die Auffassungen, Meinungen und Standpunkte von Frau Christel Hagen, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde in Kalkar:

Religion und Gewalt, Soziales und Emanzipation
Kreuzzüge, Hexenprozesse, Ketzerverfolgung, Bücherverbrennung, Heilige Kriege, Zerstörung von Kulturgütern…, Religion, egal welcher Couleur, bot und bietet sich immer wieder dazu an, Machtansprüche gegen Menschen zu begründen und durchzusetzen. Selbst im Buddhismus sind gewaltsame Auswüchse zur Durchsetzung staatlicher Gewalt bekannt.

Das ist bemerkenswert. Wo doch Juden, Christen und Muslime so gerne von dem barmherzigen Gott und ihrem eigenen Friedensauftrag sprechen, der nicht nur den Bereich des Politischen meint, sondern auch den des Sozialen.

„Wenn Dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halte ihm auch noch die andere hin.“ (Mt 5, 39) oder: „Wenn jemand einen Menschen tötet, so soll es sein, als hätte er die ganze
Menschheit getötet.“ (Sure 5).

Der Grund, aus dem Religion so leicht in das Gegenteil dessen entartet, was ihr im Grunde heilig ist, nämlich Barmherzigkeit und Liebe, liegt darin, dass es viel leichter ist, einem Menschen die eigene Religion andozieren zu wollen, statt sich mit ihm persönlich auseinander zu setzen.

Eine Lehre greift ins Kollektiv. Aber das, was ein Mensch im Religiösen sucht, seine Daseinsberechtigung und das Sich-Fest-Machen an etwas, das außerhalb seiner selbst und allen menschlichen Möglichkeiten liegt, bedarf einer persönlichen Begegnung und vor allem existentieller Erfahrungen.

Wenn Religion allerdings aus Hilflosigkeit oder Bequemlichkeit, schlimmstenfalls aber aus Machtinteressen Liebe durch Intellekt ersetzt und Freiheit durch Zwang, so resultiert daraus die Angst des Menschen vor allem, was ihm fremd ist und vor dem, was nicht ins eigene religiöse Konzept passt.
Dann gibt es zwar eine religiöse Lehre aber keine Religion, die den Glaubenden
tatsächlich trägt.

Das Resultat dessen liegt auf der Hand und wird uns Tag für Tag in den Medien vor Augen geführt. Es blühen Gewalt und Rechthaberei, Besitzansprüche und
Unterdrückung von allem, was nicht kompatibel mit dem ist, was man zu glauben
meint oder zu glauben hat.

Und dennoch: Um Frieden zu halten und Gerechtigkeit sowie leichberechtigung in einer Gesellschaft zu verankern braucht man keine Religion. Grundgesetz und
Menschenrechte sind Voraussetzung genug. (Wobei beides seine historischen
Wurzeln im Christentum hat).

Um es mit meinen religiösen Wurzeln zu sagen: Was Jesus zum Thema Frieden,
Gerechtigkeit und Emanzipation zu sagen hat, ist getragen von einem persönlichen Vertrauen auf Gott. Das ist nicht kollektiv zu verordnen oder zu lehren. Es ist nur aus Überzeugung zu leben. Darum, wer Frieden und Gerechtigkeit in der Welt für alle will, kann sich nicht der Argumentation Jesu bedienen. Er muss sich auf humanistisches Gedankengut beziehen.

Auch sehr lesenswert die Standpunkte und Betrachtungsweisen von Frau Dr. Meyer-Wilmes, die katholische Theologie, Pädagogik und Germanistik studierte und zahlreiche Gastprofessuren weltweit ausübt(e), die außerdem die verantwortliche Position der Fraktionsvorsitzenden der Ratsfraktion von BündnisGrün in Kleve bekleidet:

Religion und Soziales
Kirchen und Religionen sind die größten Wohlfahrtsverbände auf der Welt. Egal, ob es um Obdachlose, Armutshilfe, Waisen, Alte oder Bildung geht. Bei uns hat sich die Nächstenliebe anonymisiert, weil viele Aufgaben durch den Staat übernommen werden. Besucht oder arbeitet man in Afrika oder Lateinamerika, so fällt auf, dass Kindergärten, Schulen und Universitäten meistens von Kirchen aus westlichen Ländern gesponsert werden. Auch die Anti-Aids-Gruppen sind fest in kirchlicher Trägerschaft.

Religion und Gewalt
In der aktuellen Diskussion ist der Islam die Hintergrundfolie für terroristische Gewaltakte. Die Dschihadisten rufen zu einem ‚Heiligen Krieg‘ auf. Den kennt das Christentum auch aus seiner Geschichte. Die Kreuzzüge, von Papst Urban im Jahre 1095 initiiert, waren nicht nur von einer ungeheuerlichen Grausamkeit geprägt, sondern haben auch dazu geführt, dass die europäischen Länder zu einer Trennung von Kirche und Staat übergegangen sind.
Theologisch-psychologisch ist der große Hass, der hier gegenüber Andersgläubigen geschürt wird, die Kehrseite einer hingebungsvollen Gottesliebe, in einer Zeit, wo Menschen noch an Gott, die Hölle und die Sündenvergebung geglaubt haben.

Religion und Emanzipation
Die christliche Religion hat sich lange gegenüber den Forderungen der Moderne verschlossen. Erst mit Papst Johannes XXIII kam es in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts zu einem Umdenken in der katholischen Kirche. Für die Frauen in der Geschichte des Christentums bedeutete die Religion einerseits Bildung und im Klosterleben, eine Alternative zur Ehe zu haben. Anderseits wurde ihnen ihre Sexualität madig gemacht (Tertullian: Die Frauen sind das Tor zur Hölle, weißt Du nicht, dass Du eine Eva bist?) und sie fanden in der Gottesmutter Maria ein ‚unmögliches‘ Modell: jungfräulich und mütterlich. Mit der feministischen Theologie in den 90-er Jahren des letzten Jahrhunderts, gestützt auf die gesellschaftliche Frauenbewegung kamen viele neue Impulse: man entdeckte die weiblichen Züge Gottes, die vielen Frauen in der Bibel und vor allen Dingen, dass die engagierten Frauen in den Gemeinden von Männern ‚regiert‘ wurden. Man nannte die christlichen Kirchen dann auch das, was sie waren: Frauenkirchen.

Die Stellung von Religion zu Gewalt, Emanzipation und zu Sozialem deutet Michael Hellbach so:
Das Thema Religion – in seinen hier dargelegten Fixpunkten – ist das von Institutionen, gesellschaftlichen Machtblöcken. Mainstream-mutlitoleranz ist die „Botschaft“ des Christentums. Das hat mit der Botschaft der LIEBE wenig zu tun. Hegemonie die Botschaft des Islam . Widerspricht das nicht völlig dem Wesen einer Religion? Emanzipation ist zunächst mal die Emanzipation als Mensch. Frauen und Männer haben da natürlicherweise eine ähnliche Aufgabe vor sich. Emanzipation ist wesentlich das Fördern von Authenzität und Frieden in dir – und in der Welt. In der Religion sollte der Einzelne mit sich und der Gemeinschaft Frieden finden. Das geschieht durch Erkennen. Die Vorstellung von Gott kann dabei hilfreich aber auch manchmal sehr hinderlich sein.

Der Mensch stand immer wieder im Zentrum der Diskussion, auch die Wertigkeit des älteren Menschen, der pflegebedürftig ist. Ein würdiges Leben auch im Alter führen zu können, dies müssen alle Menschen, Religionen, Verbände und Parteien in den Focus rücken, unabhängig von der finanziellen Ausstattung der Menschen im Alter, unabhängig von Herkunft und gesellschaftlicher Position.

Redakteur: Willi Heuvens
Foto: Willi Heuvens