Gespräch und Treffen auf dem Rittersitz Haus Horst in Kalkar

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Kirche trifft Wirtschaft und Politik - Gespräch und Treffen auf dem Rittersitz Haus Horst in Kalkar
Kirche trifft Wirtschaft und Politik - Gespräch und Treffen auf dem Rittersitz Haus Horst in Kalkar

Gespräch und Treffen auf dem Rittersitz Haus Horst in Kalkar

Kirche trifft Wirtschaft und Politik

Der Rittersitz Haus Horst vor den Toren von Kalkar ist nicht nur als erstklassige Seniorenresidenz mit optimaler Pflege bekannt – Haus Horst wird darüber hinaus mehr und mehr zum Treffpunkt für Gespräche und Diskussionen mit Politikern, Kirchenvertretern, Führungskräften aus Real- und Finanzwirtschaft sowie Vertretern aus Kunst und Kultur.

Am heutigen Sonntag trafen sich im Inneren der Burganlage, die von einem weitläufigen Wildpark umgeben ist, Menschen aus Politik, Finanzwirtschaft und Kirche sowie Moderatoren zur Thematik: Die gemeinsame Aufgabe von Kirche, Politik und Wirtschaft, Not und Armut im Land zu bekämpfen.

Eingeladen von der Familie Keller, Eigentümerin der Seniorenresidenz und des Herrensitzes, von der Einrichtungsleiterin Nicole Klösters-Kolk und der verantwortlichen Leiterin des Sozialen Dienstes – Anette Zollner – traf man sich zu einer spannenden, kurzweiligen und interessanten Diskussionsrunde. Die Politik wurde vertreten durch Stefan Rouenhoff – CDU -, Kandidat für den Kreis Kleve für die Bundestagswahlen im September 2017, der als Handelsattache der Bundesrepublik Deutschland bei der Europäischen Union in Brüssel eine hohe Verantwortung trägt, die Wirtschaft vertrat der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Kleverland eG – Frank Ruffing, die Kirche wurde durch die Theologin und evangelische Pfarrerin Christel Hagen (in Begleitung des Pfarrers Thomas Hagen) aus Kalkar repräsentiert. Auch der Filmemacher Wilfried Klümpen vom Niederrheinreport sowie die Moderatoren Willi Heuvens und Ermin Heinz waren eifrige und aktive Diskussionsteilnehmer.

Als primär wichtig nannte Frank Ruffing die gemeinsame Definition von Not und Armut und die konkrete Benennung eines zu erreichenden Ziels. In einer Zeit, in der es so viel Reichtum und Vermögen gibt wie nie zuvor, muss es möglich sein Not und Armut zu bekämpfen. Insbesondere Kinder müssen vor Not und Armut geschützt werden …. so die Einstellung des Vorstandschef der Volksbank Kleverland. Hierzu sei es sinnvoll, diese gemeinsame Aufgabe von Politik, Kirche und Wirtschaft als Herausforderung zu meistern. „Wer macht was und bis wann?“ – dies sollte konkretisiert werden, möglichst unbürokratisch und lebensnah.

Weiterhin verwies Frank Ruffing auf die Väter der Genossenschaftsbewegung, auf Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch. Diese Sozialreformer prägten den Leitsatz: Hilfe zur Selbsthilfe – vereint sind auch die Schwachen stark. Außerdem mahnt der Bankenvorstand Frank Ruffing auch die so wichtige Steuergerechtigkeit an. Nicht nur die aktuellen Einkommen sondern auch die Vermögen, die bereits in der Vergangenheit aufgebaut wurden, sollten dabei berücksichtigt werden.

Angemahnt wurden von Willi Heuvens und Ermin Heinz die Umsetzung der wahren Lehre Jesu und die zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen am Arbeitsmarkt.

Stefan Rouenhoff möchte zurück zur SOZIALEN Marktwirschaft finden, zur steuerlichen Entlastung hart arbeitender Menschen und setzt sich für eine starke Mittelschicht ein, hier sein ausführliches Statement:

„Im Jahr 2010 hat das Bundesverfassungsgericht auf Basis des verfassungsrechtlich verankerten Sozialstaatsprinzips geurteilt, dass in Deutschland ein Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum besteht. Das Grundrecht sorgt in Verbindung mit den hierzulande bestehenden sozialen Sicherungssystemen dafür, dass bei uns kein Mensch in absoluter Armut leben muss. Das schließt jedoch nicht aus, dass Menschen in Deutschland in relativer Armut leben. Laut aktuellen Statistiken sind – relativ gesehen – etwa 12,5 Millionen Menschen arm oder von Armut gefährdet. Es ist eine gemeinsame Verantwortung von Politik, Wirtschaft und sozialen Einrichtungen, ein Abdriften gesellschaftlicher Gruppen in Armut zu verhindern und die relative Armut in unserem Land zu vermindern, um so auch der steigenden Skepsis gegenüber unseres demokratisch verfassten Rechts- und Sozialstaates entgegenzutreten. Die schulische und berufliche Ausbildung junger Menschen ist ein zentraler Baustein hierfür. Junge Menschen müssen entsprechend ihrer persönlichen Fähigkeiten gefordert und gefördert werden. Denn schulische und berufliche Qualifikationen eröffnen Aufstiegschancen und beugen damit Armut vor. Die seit den 1990er Jahren wachsende Lohnungleichheit, die ihren Ausdruck nicht zuletzt in exzessiven Managergehältern einzelner börsennotierter Unternehmen fand, erfordert eine grundlegende wirtschafts- und verantwortungsethische Diskussion aller beteiligten Akteure. Spitzengehälter und Durchschnittsgehälter müssen wieder in ein vernünftiges Verhältnis zueinander gebracht werden. Die Mittelschicht muss wieder in den Blickpunkt gerückt und durch steuerliche Entlastungen gestärkt werden. Denn eine breite Mittelschicht ist das Fundament unserer Sozialen Marktwirtschaft. Bei der Armutsbekämpfung müssen darüber hinaus die gesellschaftlichen Veränderungen verstärkt berücksichtigt werden. So kann ein besseres Netz an Betreuungseinrichtungen das Armutsrisiko einer zunehmenden Zahl von Alleinerziehenden senken. Besonderes Augenmerk muss in diesem Zusammenhang auch auf die Altersarmut gelegt werden. Die durch den demografischen Wandel verursachte Verschiebung des Verhältnisses zwischen Erwerbstätigen und Rentnern erschwert eine ausschließlich beitragsfinanzierte Rente. Daher ist es notwendig, neben der beitragsfinanzierten Rente auch andere Optionen in Erwägung zu ziehen. So müssen etwa größere Anreize für die betriebliche Altersvorsorge – zum Beispiel Mitarbeiter-Kapitalbeteiligungen oder Betriebsrenten – geschaffen und Änderungen an der staatlich geförderten, privaten Altersvorsorge vorgenommen werden. Bei aller Bedeutung des finanziellen Aspekts von Armut müssen wir jedoch auch die soziale und kulturelle Teilhabe im Blick behalten. Sie wirkt wie eine Brandschutzmauer gegen Armut und stärkt den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.“

Sehr ausführlich diskutierte man über „Christlichkeit“ in der heutigen Zeit, über die Einstellung und Aufgabe der Kirche. Die Persönlichkeit des Jesus Christus und die Thesen der Bergpredigt wurden von Willi Heuvens und Ermin Heinz in die Diskussion eingebracht. Theologin Christel Hagen wies auf die Wichtigkeit der Bildung und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen hin. „Armut vererbt sich“ …. war ein weiterer Punkt, Armut kann man durch stärkere Bildung und Ausbildung effektiv bekämpfen. Christliche Werte müssen wieder stärker in den Focus rücken. Hier das Original-Statement der Pfarrerin Christel Hagen:

Eine der wichtigsten Aufgaben von Kirche und Diakonie ist seit je her, Menschen in Armut zu helfen und Wege aus der Armut heraus zu finden. Und trotzdem scheint das menschliche Vermögen, den Reichtum einer Minderheit zu vermehren weitaus größer zu sein als die Möglichkeit, die Armut der Vielen zu beseitigen oder zumindest zu mildern. Schon Jesus sagte vor 2000 Jahren: „Arme habt ihr immer bei euch.“ Mk 14, 7 Glücklicherweise haben die Kirchen diese Feststellung niemals als Aufforderung zur Unterlassung von Hilfe verstanden, so war sie auch nicht gemeint. Klar ist: Auch wenn Deutschland europaweit nicht gerade an der Spitze der Vermögensmenge rangiert, wäre mehr als genug Geld da, um die Armut im Land mit einem Schlage zu beseitigen. Theoretisch. Die Praxis sieht leider ganz anders aus.

Ich werde den Eindruck nicht los, dass wir in Bezug auf das Verteilungsproblem auch Opfer unserer eigenen Möglichkeiten geworden sind. Im Zuge des (Computer)technischen Fortschritts haben wir uns z. B. die Möglichkeit verschafft, Geld ohne jeden Gegenwert anzuhäufen. Nun ja, nicht „wir“, sondern ein paar wenige. So kann ein findiger Börsianer mit einem entsprechend leistungsfähigen Computer in sekundenbruchteilen Millionen „verdienen“, einfach indem er per Mausklick oder Tastendruck in China 100.000 Säcke Reis einkauft, nur um sie an einer anderen Börse für 2 ct mehr sofort wieder zu verkaufen. Ein einfaches Beispiel für die Entstehung von Blasen, wie wir sie in der Vergangenheit nur allzu deutlich zu spüren bekommen haben. Das Üble dabei war: Die Gewinne waren Privatsache. Für den entstandenen Schaden kam die Allgemeinheit auf: Steuergelder für Bankenrettung. Ein ähnliches Vorgehen ist im Zuge der Energiewende zu beobachten. Jahrzehntelang haben Energiekonzerne mit der Betreibung der AKW satte Gewinne eingefahren. Doch für den entstandenen Schaden, die Unterbringung des Atommülls, werden sie nicht 1:1 verantwortlich gemacht. Bis in alle Ewigkeit wird das Entsorgungsproblem die Steuerzahler beschäftigen.

Es ist wohl so: Wenn es irgendwo irgendwie eine Möglichkeit gibt, Geld zu machen, wird sie auch von irgendjemandem genutzt. Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden. Nur leider heißt die Devise oft: Koste es, was es wolle. Aus allem wird Kapital geschlagen. Sei es aus der Umwelt, aus Tieren in der Massenhaltung, aus maroden Gebäuden, aus Menschen, egal. Hauptsache, es wird kostengünstig produziert. Einem Unternehmen, das wettbewerbsfähig sein will, ist daraus noch nicht mal ein Vorwurf zu machen. So funktioniert Wirtschaft eben.
Mir als Theologin ist das jedoch zu kurz gedacht. Sollten wir weiterhin Umwelt und Menschen derart ausbeuten, wird das horrende Folgekosten haben, nicht nur finanzieller Art. Allerdings sind die am meisten Leid Tragenden wie immer die Armen. Ich sehe besonders die Kirchen in der Pflicht, Politik und Wirtschaft fortwährend darauf hinzuweisen.

Bleiben wir doch kurz beim Thema Umwelt. Für jeden Baum. Der gefällt wird, müsste irgendwo ein anderer gepflanzt werden. Für jeden Staudamm, der gebaut wird, müsste irgendwo ein Stück Land derselben Größe renaturiert werden. 1:1 müssten alle Schäden, die wir verursachen, ausgeglichen werden. Was das mit gerechter Verteilung und Bekämpfung von Armut zu tun hat? Es brächte Arbeitsplätze, es käme der Gesundheit aller zugute, und künftige Generationen würden es uns danken. Aber all das wird nicht gemacht. Warum nicht? Auch hier sehe ich die Aufgabe der Kirchen, immer wieder nachdrücklich auf die Notwendigkeit nachhaltigen Wirtschaftens hinzuweisen.
Wir sind nicht allein Opfer ökonomischer Prinzipien, deren Auswirkungen sich im Zuge der Globalisierung enorm verschärft haben.

Selbst dem high frequency trade an der Börse wäre mit der Einführung einer Finanztransaktionssteuer beizukommen. Befürworter sprechen von 0,01 – 0,1 %. Der Nutzen für den Bundeshaushalt wäre m. E. größer als die Gefahr einer Abwanderung von Finanzunternehmen in Länder, in denen sie keine Finanztransaktionssteuer zahlen müssten.
Der Handlungsspielraum der Bundesregierung ist sicher größer, als er sich gegenwärtig in Bezug auf die Armutsbekämpfung zeigt. Es ist ja Geld da. Nicht nur in privater Hand. Viele Kommunen sind zwar pleite. Aber wir haben einen bundesweiten Haushaltsüberschuss. Warum wird er nicht genutzt, um in die Infrastruktur zu investieren? In den Straßenbau, in verkommene Schul- und Universitätsgebäude, in mangelndes Personal gerade im Bildungssektor. Es ist doch sattsam bekannt, dass Chancengleichheit und Zugang zu Bildung die wichtigsten Faktoren sind, Armut zu bekämpfen. Doch davon sind wir weit entfernt. Das Kind eines Harz IV – Empfängers hat nicht ansatzweise dieselben Chancen, das Abitur zu machen und gar zu studieren, wie ein Kind aus einer Akademikerfamilie. Armut „vererbt“ sich von Generation zu Generation, und auch eine Kirchengemeinde ist nicht in der Lage, z. B. ausreichend kostenlose Nachhilfe für Kinder aus ärmeren Verhältnissen zu gewährleisten.
Auch das Problem des Mangels an bezahlbarem Wohnraum, besonders in den Ballungsgebieten, erscheint mir durchaus lösbar. Warum nimmt die Bundesregierung nicht genügend Geld in die Hand, um dem abzuhelfen?
Schuldenabbau ist kein schlechtes Ziel. Ich fürchte nur, dass fehlende Investitionen in den genannten Bereichen sich rächen werden. Sozialer Friede ist mindestens genauso wichtig wie eine stabile Wirtschaft.

„Arme wird es immer geben“, so Jesus vor 2000 Jahren und: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist…“ Mk 12, 17 – also zahlt Steuern, das auch. Und wenn der zweite Teil des Satzes lautet: „aber gebt Gott was Gott gehört“, dann folgt für einen glaubenden Menschen daraus die absichtslose Güte vor allem dem gegenüber, der sie am meisten braucht. Ein Politiker kann so nicht sein? Ein Unternehmer auch nicht? Mag sein. Aber sowohl Politiker als auch Unternehmer oder Superreiche sind nur Menschen. Und sie sind hoffentlich auf ihr Gewissen ansprechbar und auf das, was allen Menschen in unserer Gesellschaft hilft, an ihr teil zu haben. Armut bzw. Ungleichheit bekämpfen ist eine enorme Herausforderung für Politik und Wirtschaft. Die Krux ist, dass sie auf Freiwilligkeit beruht. Darum ist es immer die Pflicht der Kirchen, in ihrer Option für die Armen ein ethisches Korrektiv zu sein.

So ging nach einigen Stunden eine lebhaft geführte Diskussion zu Ende.
Auf Haus Horst sind weitere Begegnungen dieser Art in Planung, der Rahmen hierfür ist vor den Toren von Kalkar einzigartig und im Inneren der Burganlage – wie auch im Sommerhalbjahr im Burgpark – wie geschaffen für solche Veranstaltungen. Hier einige Impressionen vom heutigen Event und vom Rittersitz selbst ….

Redakteur: Willi Heuvens
Foto: Willi Heuvens