Euthanasie im Altkreis Moers: „Das hat uns stark erschrocken“

Euthanasie im Altkreis Moers: „Das hat uns stark erschrocken“
Euthanasie im Altkreis Moers: „Das hat uns stark erschrocken“

Euthanasie im Altkreis Moers: „Das hat uns stark erschrocken“

Erich Pausewang
Erich Pausewang wurde im März 1940 von den Nazis in das Vernichtungslager Brandenburg geschickt. Wenige Tage später kam die Todesnachricht. Grund war eine eigentlich leicht zu behandelnde Hautkrankheit. (Foto: privat)

Auch in Moers haben die Nazis Kranke bzw. (vermeintlich) Behinderte verschleppt und ermordet. „Der Onkel ist krank geworden und kam ins Krankenhaus. Es soll eine Hirnhautentzündung gewesen sein. Vier Jahre später ist er verstorben. Was wirklich passiert ist, haben wir uns später zusammengereimt.“ 1936 hat Fritz Pausewang seinen Patenonkel Erich das letzte Mal in der „Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau“ besucht. „Erysipel“ – eine leicht zu behandelnde Hautkrankheit – war offiziell die Todesursache des Meerbeckers. Er gehörte zu jenen etwa 50 Patienten aus dem Altkreis Moers, die im März 1940 von den Nazis u. a. in das Vernichtungslager Brandenburg geschickt wurden.

Bisher wurde zum Thema „Euthanasie“ im Altkreis Moers weder publiziert noch geforscht. Maren und Dr. Bernhard Schmidt vom Verein „Erinnern für die Zukunft“ haben dies jetzt nachgeholt und in den Original-Büchern der Heilanstalt auf Anhieb 110 Personen aus der Region gefunden, die wahrscheinlich der „Euthanasie“ zum Opfer gefallen sind. „Wir beschäftigen uns schon seit über 30 Jahren mit der Aufarbeitung der NS-Zeit, aber das hat uns stark erschrocken“, berichtet Dr. Bernhard Schmidt.

Stolpersteine für die Opfer

Über das Moerser Stadtarchiv und die dort aufbewahrten Meldekarten konnten in den gut 30 Moerser Fällen die Familien und Anschriften festgestellt werden. Mit ihnen nimmt der Verein jetzt Kontakt auf. Eine Gruppe um den Historiker Thomas Ohl beim Verein „Erinnern für die Zukunft“ kann sich vorstellen, die Recherchen zu „Euthanasie“ und Sterilisierungen im Altkreis Moers zu vertiefen und auch zu publizieren. In den nächsten beiden Jahren sollen zunächst Stolpersteine gelegt werden, um an die grausamen Verbrechen zu erinnern. Fritz Pausewang und seine Ehefrau begrüßen einen Stolperstein für den Patenonkel.

Den Opfern ein Gesicht geben

Wie Pausewang erging es in Moers Friedrich D. (Lindenstraße), Dietrich G. (Länglingsweg), Johann H. (Kanalstraße), Paul H. (Glücksburger Straße), Ernst W. (Kaiserstraße), Wilhelm K. (Mattheck) sowie Heinrich J. und Heinrich L. „Die meisten Angehörigen haben bislang sicher nie von dem schlimmen Schicksal erfahren. Wir wollen deshalb jedem Opfer ein Gesicht geben.“ Bereits in diesem Jahr wird – voraussichtlich am 29. Oktober – ein erster Stolperstein für ein Moerser „Euthanasie“-Opfer gelegt: Die knapp dreijährige Karin Alt von der Homberger Straße wurde am 25. August 1944 in der „Kinderfachabteilung“ der Heilanstalt Kalmenhof ermordet.

Gesucht werden Fotos und Dokumente aus Moerser Familien, die ein „Euthanasie“-Opfer zu beklagen haben. Betroffene Familien können mit der NS-Dokumentationsstelle Kontakt aufnehmen, um zu erfragen, ob hier schon Forschungsergebnisse für sie vorliegen: bernhard.schmidt@moers.de, Telefon: 0 28 41 / 201-728.

Stadtarchivar Christoph Spilling, Fritz Pausewang, Dr. Bernhard Schmidt („Erinnern für die Zukunft“), Gisela Pausewang und Historiker Thomas Ohl begutachten Dokumente und Fotos des Euthanasie-Opfers Erich Pausewang
Stadtarchivar Christoph Spilling, Fritz Pausewang, Dr. Bernhard Schmidt („Erinnern für die Zukunft“), Gisela Pausewang und Historiker Thomas Ohl (v.l.)begutachten Dokumente und Fotos des ‚Euthanasie-Opfers Erich Pausewang. (Foto: pst)

Quelle: Stadt Moers
Foto: Stadt Moers/privat
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