Vier Fragen an Pfarrerin Christel Hagen, Evangelische Kirchengemeinde Kalkar

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Vier Fragen an Pfarrerin Christel Hagen, Evangelische Kirchengemeinde Kalkar
Vier Fragen an Pfarrerin Christel Hagen, Evangelische Kirchengemeinde Kalkar

Vier Fragen an Pfarrerin Christel Hagen, Evangelische Kirchengemeinde Kalkar

Christel Hagen leitet mit Thomas Hagen überzeugend die Evangelische Gemeinde in der mittelalterlichen Stadt Kalkar. Im stark katholisch geprägten Kalkar etablierten sich bereits im 16. Jahrhundert Gläubige dieser christlichen Kirche. Seit 1697 besteht hier eine eigene Kirche. Wer auf die Homepage dieser Gemeinde schaut, erkennt dort fundierte und eng mit der Lehre Christi verbundene Werte:

http://www.ev-kirche-kalkar.de/

Man ist hier engagiert für die Menschen, nah am Menschen und für die Menschen da.
Gerne war sie bereit, in meiner Medienserie mitzuwirken.

1. Es gibt eine Anzahl christlicher Gemeinden, die verschiedenen (Amts-)Kirchen angehören. Ist es nicht dringend notwendig, im Sinne der Ökumene noch mehr Gemeinsamkeiten zu erreichen?

Christel Hagen

Vor allem im Bewusstsein der Menschen vor Ort erscheint mir das Empfinden für das, was trennt, gar nicht so groß. „Wir glauben doch alle an den gleichen Gott“ ist ein Satz, den ich oft höre. Bei uns – und hier meine ich zunächst unsere Ev. Kirchengemeinde Kalkar – ist jeder Mensch willkommen. Niemand wird auf seine oder ihre religiöse oder geografische Herkunft hin befragt. Wer zu uns kommt, darf hier sein. Ich denke, es ist wichtiger zu fragen, was ein Mensch braucht statt zu erwarten, dass er etwas mitbringt. Miteinander reden und vor allem zuhören erscheinen mir die wichtigsten Zugangswege zueinander zu sein.

2. Am Niederrhein besteht seit fast zwanzig Jahren eine buddhistische Gemeinschaft. Auf dem Pauenhof bei Sonsbeck ist jeder willkommen, jeder kann hier seine Religion leben, hier herrscht hohe Toleranz. Ist dies nicht auch ein Vorbild für die Amtskirchen?

Christel Hagen

Sich gegenseitig in Achtung der Verschiedenheit tolerieren, ernst nehmen und leben lassen – ein wunderbares Ziel von Miteinander-Leben. Es gibt leider Differenzen zwischen den beiden großen Konfessionen, die nicht einfach zu überbrücken sind. In erster Linie sind Sakraments- und Amtsverständnis nicht miteinander vereinbar. Im Sinne Jesu ist das gewiss nicht. Im Sinne Jesu, im Sinne Pauli, im Sinne Martin Luthers wäre es, dogmatische Mauern einzureißen, indem Christen sich einfach als Menschen verstehen, als Kinder Gottes bejaht und gewollt trotz allem, was sie sind und nicht sein können. Das bedeutet, aus der Liebe Gottes heraus leben und einfach Mensch sein. Es wäre weltumspannend über alle religiösen, geographischen oder ethnischen Grenzen hinweg.

Stattdessen gibt sich jede Religion ihr eigenes Profil, nicht um sich selbst und andere zu verstehen, sondern um sich gegen andere abzugrenzen und deutlich zu machen, was sie nicht sein wollen, wogegen sie auf jeden Fall sind, was für sie auf gar keinen Fall geht. Besonders die großen Schriftreligionen stehen in genau dieser Gefahr, obwohl es beträchtliche Bemühungen aufeinander zu gibt. Dennoch fürchte ich, wenn Jesus heute leben würde, wenn wir heute erleben würden, wie er für Gottes voraussetzungslose Liebe eintritt und sich vor allem auf die Seite derer stellt, die im Leben auf ganzer Linie versagt und verloren haben, wäre sein Schicksal genauso schnell besiegelt wie vor 2000 Jahren. Die Exekutions- und Foltermethoden haben sich geändert. Die Angst der Menschen, sich durch nichts beweisen zu können und profilieren zu müssen, ist dieselbe geblieben.

3. Steigende Armut – menschenunwürdige Löhne – menschenverachtende Gruppierungen im rechtsradikalen Bereich – muss sich die Kirche hier nicht stärker einschalten?

Christel Hagen

Unbedingt. In diesem Jahr hat die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW), der unter anderen auf evangelischer Seite die Diakonie und auf katholischer Seite die Caritas angehören, im Hinblick auf die Bundestagswahl 2017 ein Forderungspapier zu allen Bereichen des sozialen Lebens mit Vorschlägen und Ideen zu den wichtigen Fragen vorgelegt. Es ist unerlässlich, dass Kirche für ein menschenwürdiges Leben aller eintritt und Politik und Wirtschaft immer wieder mit Nachdruck an ihre soziale Verantwortung erinnert. Was menschenunwürdig und menschenverachtend ist, darf im Herzen eines Christen, darf in keiner Kirche oder religiösen Gemeinschaft Platz haben.

Es bleibt darum eine ständige Aufgabe aller, dafür zu sorgen, dass Menschenrecht und Menschenwürde in jedem Bereich gesellschaftlichen Lebens gefördert und eingehalten werden.

4. Ich sehe in der Persönlichkeit des Jesus auch eine (sozial-)politische Stiftergestalt. Könnte durch die Praxis seiner Lehre nicht die stetig wachsende Schieflage im sozialen Bereich beseitigt werden?

Christel Hagen

Jesus war zwar kein Sozialarbeiter. Er hat auch nicht versucht, das System im Ganzen zu verändern. Wer das von ihm erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht. Jesus ging immer vom Einzelnen aus und auf den Einzelnen zu. Insofern bietet das, was er gelebt und gelehrt hat, kein politisches Programm. Martin Luther hat das aufgenommen und gemeint: „Wenn Du gute Werke sehen willst, musst Du schauen auf die Person“. (Vgl. Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520) Was daran allerdings politisch und ins Kollektiv übertragbar ist, ist die Forderung, jeden einzelnen Menschen als Individuum zu achten, unabhängig von seiner Religion, seiner Herkunft oder irgendeiner gesellschaftlichen Kategorie, so wie es in den Grund– bzw. den Menschenrechten verankert ist. Jesu soziales oder besser mitmenschliches Engagement enthält einen Sprengsatz der, käme er zum Einsatz, alles was wir an bürgerlicher Ordnung kennen und gewohnt sind, sprengen würde. Ehe und Familienrecht: Es hätte keine Geltung.

Vielmehr: Wer mir nachfolgt, ist meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester Mt 10, 34-39. Gerichtsbarkeit und die Möglichkeit, sein Recht durch Rechtsspruch einzufordern: Zieht nicht vor Gericht, regelt das untereinander und vergebt euch Lk 6, 37. Thema Besitz: Teilt einfach das, was ihr habt miteinander. Dann wird jeder genug zum Leben haben Mk 6, 30-44. Um ein menschenwürdiges Leben für alle zu ermöglichen, ist keine Religion nötig, da reicht das Grundgesetz. Das gilt dann aber auch für alle gleichermaßen. Jeder Mensch, der in Deutschland leben möchte, ist dem verpflichtet. Unabhängig von Status, Religion, und Herkunft.

Herzlichen Dank an Christel Hagen – auch im Namen der Leserinnen und Leser – für diese ausführlichen Antworten.

Redakteur: Willi Heuvens
Foto: Christel Hagen